Hunderte von Millionen Tonnen Nahrungsmitteln auf einem Planeten zu vernichten,
wo alle fünf Sekunden ein Kind verhungert, ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
(Jean Ziegler)

„Lebensmittel retten anstatt wegwerfen“

Lebensmittelvergeudung – die Fakten

Nach Schätzungen der Welthungerhilfe und der WHO landet etwa ein Drittel aller produzierten Nahrungsmittel auf dem Müll – das sind weltweit jährlich ca. 1,3 Milliarden Tonnen und gleichzeitig hungern fast eine Milliarde Menschen. Täglich verhungern 10.000 Menschen, überwiegend Kinder. Und die Erzeugung der Lebensmittel, die auf dem Müll landen, kostet Energie und Ressourcen und trägt damit zum Klimawandel bei. Wenn wir keine Lebensmittel vergeuden würden, müsste niemand hungern. Wie kommt es zu diesen gigantischen Mengen von Lebensmitteln, die vergeudet werden? Schauen wir uns die einzelnen Punkte auf dem Weg vom Erzeuger zum Verbraucher an:

  • Ein Teil der Ernte, z.B. bei Kartoffeln, bleibt beim Ernten mit Maschinen auf dem Feld zurück, weil sie zu klein sind, um von der Maschine erfasst zu werden. Ein anderer Teil wird aussortiert, weil der Handel – und hier insbesondere die Supermärkte – bestimmte Mindestanforderungen an Obst und Gemüse stellt. Dies wird damit begründet, dass die Verbraucher angeblich beispielsweise keine krummen Möhren oder kleine Äpfel oder solche mit kleinen optischen Mängeln kauft.
  • Auch auf dem Transport – vor allem dann, wenn dieser über weite Strecken erfolgt – gibt es Verluste. Auch deswegen werden u.a. Bananen und Tomaten oft unreif geerntet und reifen auf dem Transportweg nach.
  • Ein großer Teil der Vergeudung geschieht im Handel. Lebensmittel, die zwar noch gut und essbar, aber nicht mehr ganz frisch sind, werden in den Müll geworfen. Das sind insbesondere Obst und Gemüse, aber auch Backwaren und solche, deren MHD (Mindesthaltbarkeitsdatum) abgelaufen ist. Die Händler – und auch hier wieder vor allem die Supermärkte – wollen immer volle Regale auch von Obst und Gemüse vorweisen und alles soll immer 1a aussehen. So muss regelmäßig selektiert und weggeworfen werden. Und wenn in einer Packung ein Stück Obst angeschlagen ist, landet meist die ganze Packung im Müll, weil Aussortieren und Umpacken teurer wären. Schätzungsweise 7 % des in Supermärkten angebotenen Obstes und Gemüses landet daher im Müll.
  • Und natürlich gibt es auch bei den Verbrauchern Lebensmittelvergeudung. Man hat zu viel eingekauft und den Überblick in Kühlschrank, Obstschale oder Vorratsregal verloren. Da ist dann das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen oder das Brot schimmelig geworden o.ä. Oder man hat zu viel gekocht und ein Teil der Mahlzeit bleibt übrig.
  • Wichtig ist es, zu wissen, dass Lebensmittel nach Ablauf des MHDs nicht sofort schlecht sind. Lebensmittel verändern sich vom ersten Tag der Produktion bis zum Verzehr stetig in Farbe, Geschmack und Konsistenz. Das MHD kennzeichnet lediglich den Zeitraum, in dem der Hersteller diesen Prozess durch Stichproben überwacht und für eine nach seinen eigenen Qualitätsstandards beste Qualität einsteht. Viele insbesondere lang haltbar gemachte Produkte sind aber auch noch weit über das MHD hinaus verzehrfähig. Man sollte sie daher nur wegwerfen, wenn eine Prüfung durch Anschauen, Riechen und ggf. Kosten gezeigt hat, dass sie verdorben sind.
  • Und ist es nicht auch eine Form von Vergeudung, wenn wir Getreide und Soja an Tiere verfüttern, nur um billiges Fleisch essen zu können? Niemand auf der Erde müsste hungern, wenn wir unseren Fleischkonsum drastisch einschränken würden.

Soweit diese Aufzählung, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.

Aktuelles

Auch in Forchheim Stadt und im Landkreis ist die Lebensmittelvergeudung natürlich ein Thema. Auch hier landen in Lebensmittelgeschäften und Bäckereien jeden Tag Lebensmittel im Müll.

Und vermutlich gibt es auch in unserem Landkreis Bauern, die Teile ihrer Ernte nicht an (Groß-)Händler verkaufen können, weil sie nach deren Kriterien nur B-Ware ist.

Leider leidet die Gruppe, die sich mit diesem Thema beschäftigt, derzeit unter akutem Mangel an Aktivist*innen. Ideen haben wir viele, aber leider niemanden, der sie umsetzt. Andererseits müssen wir auch nicht das Rad neu erfinden, denn es gibt ja Organisationen wie Foodsharing e.V., die seit Jahren auf diesem Gebiet erfolgreich aktiv sind.

Hier jedoch ein paar Ideen, was jeder auch als Einzelner konkret und aktiv tun kann, um die Lebensmittelvergeudung zu reduzieren:

  • Zunächst einmal natürlich die eigene Verschwendung soweit wie möglich reduzieren
  • In all den Geschäften, in denen man regelmäßig einkauft, nachfragen, wie dort mit dem Thema umgegangen wird und ggf. anregen, die Waren im Preis zu reduzieren oder an den Sozialladen Forchheim, die Tafel oder eine Foodsharing-Initiative abzugeben oder anderweitig zu verschenken
  • Wer einen Garten hat, in dem im Sommer mehr Ernte anfällt als man selbst verbrauchen kann, kann diese bei Foodsharing e.V. anderen anbieten.
  • Wenn vor dem Urlaub der Kühlschrank noch voll ist, kann man auch diese Lebensmittel bei Foodsharing e.V. anbieten
  • Beim Bauern direkt die sogenannte B-Ware einkaufen
  • Darüber aufklären, dass auch Waren, deren MHD abgelaufen ist, durchaus noch tadellos sein können. Es heißt schließlich „Mindesthaltbarkeitsdatum“ und nicht „danach ungenießbar und toxisch“.
  • Online-Petitionen unterschreiben, die sich mit dem Thema beschäftigen – siehe unsere Seite „Petitionen unterschreiben“
  • Insgesamt das Thema Lebensmittelvergeudung immer wieder ansprechen und so für einen Bewusstseinswandel sorgen
  • Bei Transition Forchheim oder Foodsharing e.V. mitmachen

Weitere Tipps sind immer willkommen.

Wenn du magst, schicke uns deine Erfahrungsberichte (an info@transition-forchheim.de) – wir veröffentlichen sie dann.

Lese-Ecke

Lösungsstrategien

Wie zu sehen ist, sind die Ursachen vielfältig und müssen daher auf verschiedenen Ebenen angegangen werden – auf der politischen, der wirtschaftlichen und der individuellen Ebene.

Widmen wir uns also diesen verschiedenen Ebenen, wobei sich diese Ebenen nicht wirklich trennen lassen:

Politische Ebene

  • In Frankreich ist es Lebensmittelhändlern verboten, noch essbare Lebensmittel in den Müll zu tun, sie müssen verschenkt werden. Dafür bekommen die Händler von Staat einen finanziellen Zuschuss. Warum sollte dies in Deutschland nicht möglich sein? Es gibt eine entsprechende Online-Petition von Weact, die genau dies fordert – hier der Link, um diese Forderung zu unterstützen.
  • Auch die Haftungsfrage ist von Relevanz, siehe folgende Online-Petition: Link
  • Das Retten von Lebensmitteln aus den Mülltonnen der Supermärkte, das so genannte Containern, ist nach deutschem Recht strafbar, wie das Bundesverfassungsgericht kürzlich (08/2020) feststellte. Das widerspricht dem gesunden Menschenverstand und daher sollte dieses Recht dringend geändert werden. Auch in diesem Punkt gibt es eine Online-Petition (Link)

Wirtschaftliche Ebene

Hier wäre es wichtig, darauf hinzuwirken, dass nicht immer monetäre Gesichtspunkte im Vordergrund stehen, sondern dass beispielsweise aus Packungen, in denen ein schlechtes Teil ist, dieses auszusortiert und der Rest verkauft wird. Auch sollte der Anspruch, dass alle Regale bis zum Ladenschluss immer mit frischen Waren voll belegt sein müssen, überdacht werden. Aber es gibt auch bereits gute Ansätze, die sich einfach breiter durchsetzen müssten, z.B.

  • Lebensmittel, deren MHD kurz vor dem Ablaufen ist, werden im Preis reduziert
  • Lebensmittel, die nicht mehr ganz frisch oder aus sonstigen Gründen nicht verkäuflich sind, werden an die Tafeln oder andere Food-Sharing-Organisationen verschenkt
  • Es gibt Unternehmen wie z.B. die „Rübenretter“, die das Obst und Gemüse vom Erzeuger kaufen, welches die Anforderungen der Supermärkte nicht erfüllt und dies dann günstig an Verbraucher weiterverkaufen
  • In 79379 Müllheim gibt es das Edeka-Geschäft Hieper, das im Kassenbereich ein Regal „Zu gut für die Tonne“ hat, wo die Lebensmittel, die sonst in den Müll kämen, verschenkt werden

Individuelle Ebene:

Auf dieser Ebene ist der wichtigste Punkt die Wertschätzung, die wir Nahrungsmitteln entgegenbringen, denn sie bestimmt entscheidend unser Denken und Handeln. Wer immer nur das Billigste kauft, dem ist Geld offenbar wichtiger als die Qualität dessen, womit er sich ernährt. Was man schätzt, behandelt man achtsam und wirft es nicht leichtfertig fort. Doch was kann jeder von uns nun praktisch tun, um die Lebensmittelvergeudung zu reduzieren?

  • Alles fängt mit dem Einkaufsverhalten an: Wenn man mehr einkauft, als man essen kann, ist die Gefahr groß, dass Lebensmittel im häuslichen Mülleimer landen. Daher: Planen, was man kochen und essen will und entsprechend einkaufen. Sich nicht von Sonderangeboten oder Mengenrabattaktionen beeinflussen lassen.
  • Wenn wir immer nur das Billigste kaufen, signalisieren wir damit, dass auch uns der monetäre Aspekt wichtiger ist als der ethische.
  • Resteverwertung ist der nächste Punkt: Wenn man mehr gekocht hat, als gegessen wurde, kann man diese Reste entweder zur nächsten Mahlzeit essen oder als Bestandteil einer neuen Mahlzeit, z.B. einer Suppe verwenden.
  • Regelmäßig den Inhalt des Kühlschranks (und des Gefrierschranks/der Gefriertruhe) und der sonstigen Vorräte auf Haltbarkeit hin überprüfen – vor allem ganz hinten verstecken sich gerne Dinge, die man dort übersieht, wenn man nicht systematisch nachschaut.
  • Wer sich umfangreiche Vorräte zulegt, muss auch darauf achten, immer das, was zuerst schlecht zu werden droht, zuerst zu verbrauchen. Das setzt gute Sortierung und einen guten Überblick über das Vorhandene voraus. Ein Tipp dazu: immer am Monatsanfang die Vorräte durchschauen und das, was in diesem Monat abläuft, in die Ecke: „Bevorzugt zu verwenden“ stellen.

Für weitere Tipps sind wir dankbar.

Links zu anderen Lebensmittel-Rettungs-Projekten

  • Foodsharing e.V. ist eine Initiative, die sich gegen Lebensmittelverschwendung engagiert. Wir “retten” ungewollte und überproduzierte Lebensmittel in privaten Haushalten sowie von kleinen und großen Betrieben.
  • mundraub.org ist die größte deutschsprachige Plattform für die Entdeckung und Nutzung essbarer Landschaften. Sie ermöglicht es dir, Fundorte zu kartieren, Aktionen anzulegen und Gruppen zu gründen. mundraub.org schafft Bewusstsein für Regionalität und Saisonalität und will dich motivieren, deine Umgebung kulinarisch wahrzunehmen und zu nutzen.
  • Der LebensMittelPunkt in Höchstadt ist Mittelpunkt  bürgerschaftlichen Engagements. Als Lebensmittelausgabe und Kontakt- und Beratungsstelle dient er als soziale Anlaufstelle für Menschen in der Region, die in Not geraten sind.

 

Weitere Informationen

 

Filmtipps

 

Buchempfehlungen

  • Kein Essen in den Müll! – Kampf der Lebensmittelverschwendung
    von Peter Wöllauer
    ISBN 9783844806359

  • Die Essensvernichter: Warum die Hälfte aller Lebensmittel im Müll landet und wer dafür verantwortlich ist
    von Stefan Kreutzberger
    ISBN 9783462043495

  • Volle Bäuche statt volle Tonnen: Containern gegen Lebensmittelvernichtung – Ein Aktivist klärt auf
    von Walter Christian
    ISBN 9783961560103

  • Nicht alles ist Mist!: Verdorbene Lebensmittel erkennen – Reste verwerten – Geld sparen. Das kompakte Anti-Wegwerf-Buch
    von Angelika Kirchmaier
    9783702237332